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Vom 28. Februar bis 6. März 2018 fand in München das 2. Iranische Kulturfest statt.

Nasser TAGVAI gibt auf dem iranischen Kulturfest im Münchner Gasteig ein Interview für den Radiosender Deutsche Welle ...

 

 

 

 

 

 

 

Mahmoud Doulatabadi auf dem iranischen Kulturfest im Münchner Gasteig während der Pause zu seiner Lesung am 28. Februar 2018

Unsere Vereinigung hat die Organisatoren des 2. Iranischen Kulturfestes in München eng unterstützt. Mahmoud Doulatabadi und Nasser Taghvai, zusammen mit Marzieh Vafamahr, waren sehr prominenteste Gäste dieses Festes der Verständigung und des Austausches zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Kunst und Leben...


Manuskript des Vortrags vom 22. Juli 2013 von Tania Kaliji, gehalten im Bayerischen Landtag:

 

Sehr geehrte Frau Abgeordnete Brigitte Meyer!

Hochverehrtes Parlament des Freistaates Bayern in Deutschland!

 

Ich bin Ihnen einen besonderen Dank schuldig dafür, daß Sie mir Möglichkeit geben, über "Iran und Einwanderung" zu sprechen und besonders über die "Flüchtlinge", die mehr und mehr Anlass zur Sorge geben. Natürlich betrifft das Problem sowohl die Menschenrechtsaktivisten, als auch die Regierungsbeamten und Politiker, die sich mit dem Asyl in Ländern wie Deutschland beschäftigen.

Wir wissen ja, daß der Prozess einer Einwanderung oder eines Asylbegehrens die Unterstützung und den Schutz der Regierung braucht, bis die Flüchtlinge wieder auf ihren eigenen Beinen stehen können. Natürlich erfordern diese Probleme eigene Planungen und Budgetierungen, die nicht ignoriert werden sollten.

 

Ich möchte meine Rede mit dem Folgendem beginnen:

 

Exil, Asyl und Migration sind der Wunsch keines einzigen Menschen, sondern sind immer eine Notwendigkeit für einige Menschen aus den Ländern, in denen sie dazu gezwungen werden. Es ist dann eine Notwendigkeit, nicht um einer Verbesserung willen oder im Streben nach einem Ideal, nicht im Sinne eines Exzesses, sondern nur aus dem einzigen Grund heraus, sein Leben und seine Seele zu retten, ein Ziel, welches nicht nur alle Menschen, sondern alle Lebewesen auf diesem Planeten instinktiv und rational verbindet. Unsere Tiere haben sogar einen irrationalen Instinkt, der ihnen hilft, am Leben zu bleiben, wenn sie bedroht sind oder die Notwendigkeit besteht zu entkommen und zu fliehen.

 

Ich betrachte mich in erster Linie als einen Menschen. Dieser Mensch, der ich bin, wird nach den Gesetzen der menschlichen Biologie und Anatomie in der Natur eine "Frau" genannt. Und diese Frau ist an einem Ort mit der geographischen Bezeichnung "Iran" auf die Welt gekommen, an einem fernen, östlichen Breitengrad. Der Iran war früher bekannt als ein glückliches Land, geprägt von tiefen und reichen Traditionen, Kulturen und Bräuchen, Philosophen, Dichtern und Schriftstellern; heute aber wird dieses Land in allen Medien nur noch als ein Ort bezeichnet, in dem die Atombombe gebaut werden soll.

 

Mein Land Iran wurde im Laufe seiner Geschichte von vielen unterschiedlichen politischen Systemen regiert und es ist viele Entbehrungen gewohnt. Was aber nach der Revolution 1979 passiert ist, ist eine andere Dimension, vor der man die Augen nicht verschließen darf.

 

Man kann dies nicht einfach vergessen, weil eine Wunde entstanden ist, tief im Inneren der Existenz eines jeden Einzelnen, dessen Herz für seine Heimat schlägt. Alle, die in dieser Zeit Opfer gebracht haben oder selbst Opfer waren, die dadurch erleben müssen, wie mit jedem neuen Kummer und Schmerz die alten Wunden wieder aufgehen, stellen sich immer wieder die Frage "Was müssen wir bloß tun, damit dieses totalitäre System aufhört?".

 

Intellektuelle und Dissidenten haben nach der Revolution 1979 das größte Unrecht und die größte Isolation erfahren. Wir nennen diese Jahre, die bei uns die "60-er" Jahre waren, und die in der westlichen Zeitrechung die "1980-er" Jahre sind, die schwarzen Jahre.

 

Die Massen- Hinrichtung von 1988 war eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie ist nicht zu vergessen und nicht zu vergeben. Im Sommer 1988 wurden 5000 Gefangene und selbst diegenigen unter ihnen, die schon entlassen werden mussten, innerhalb von 2 Monaten hingerichtet. Die Ehepartner, Kinder, Mütter haben immer noch keine Information über die Gründe für die Hinrichtung oder den genauen Ort des Grabes.

 

Den Kindern, die in diesen "schwarzen Jahren" ihre Eltern, also Mutter oder Vater, verloren haben, und kein Recht haben, den genauen Platz des Grabes zu erfahren (denn die Leichen wurden in einem Massengrab begraben), ist es immer noch nicht erlaubt, am Jahrestag dieses Verbrechens den Ort khavaran zu besuchen, an dem sich dieses Massengrab befindet, um dort gemeinsam zu trauern, zu singen. Und es wird ihnen auch verboten, dort eine Gedächtnisfeier abzuhalten. Verhaftungen nur wegen der Trauer an diesem Ort sind normal.

 

Viele von diesen Kindern sind die heutige Jugend. Die Jugend, die in Ihre Länder fliehen und Asyl beantragen, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben, nur um ein Mensch zu sein. Sie haben keine Waffen in den Händen und sie tragen auch keine Anarchie in andere Länder. Sie wollen nur auf einem kleinen Stück unserer großen Erde die Luft der Freiheit atmen, ohne Unterdrückung und mit der Anerkennung als Menschen.

 

Man nennt uns die Jugend der "60-er" Jahre (bei Ihnen der 80-er), aufgewachsen mit den Sanktionen, mit der Unterdrückung der Politiker in der Zeit von Rafsandshani, in der relativen Freiheit von Khatami, aber auch leider mit der programmierten Mordserie des 18.Tir, mit der großen Welle des Betruges in der Zeit von Ahmadineschad.

 

Wir sind gewöhnt an die Entlasssung vieler Studenten aus den Universitäten (die islamische Regierung kennzeichnet die exmatrikulierten Studenten als "Studenten mit Sternen" in ihren ihren Studientpapieren), gewöhnt an den Verlust der Arbeit von vielen unter uns, als Menschrechtsaktivisten, z.B. Frauenrechtsaktivisten, Kinderrechtsaktivisten, oder Aktivisten gegen die Regierung, die dann in die Grüne Bewegung von 2009 mündet.

 

Diese Zeit war unsere Kindheit und Jugend. Hieraus können Sie sehen, daß es für uns in diesen vielen Jahren keine sonnigen Tage am Meer und keine Reisen zu den Kanarischen Inseln gegeben hat, weil im Sommer und Winter nur eines in unseren Köpfen gewesen ist, nämlich zu kämpfen für die Freiheit und die Menschenrechte.

 

Jeder von diesen Flüchtlingen, die auf Ihre Hilfe warten, wollte bis an das Ende seiner Kräfte unter dem Druck des totalitären Regimes bleiben, anstatt die Heimat zu verlassen. Aber irgendwann ist es nicht mehr möglich. Irgendwann ist es eine Frage von Sein oder Nichtsein.

 

Ich will Ihnen ganz kurz etwas aus den Bericht von Amnesty international (AI) vor dem UN Menschrechtsrat 2012/2013 mitteilen:

 

AI berichtet, daß 2012 die Lebenserwartung im Iran nur 73 Jahre war und von 1000 lebend geborenen Kindern 39,9 gestorben sind; in diesem Jahr wurden 360 Personen hingerichtet und viele von ihnen im Gefängnis gehängt. 2011 wurden drei 18-Jahre alte Jungen, und am 21.9.2012 ein 17-jähriger Junge mit dem Namen Ali Reza Molasoltani hingerichtet.

 

Aktuell sind mindestens 15 Gefangene mit der Erwartung ihrer Hinrichtung durch Steinigung, in den Todeszellen, die "Erwartung auf den Tod" genannt werden.

 

Human Right Watch (HRW) berichtet, daß 2011 mehr als 600 Personen hingerichtet wurden - der Iran war diesbezüglich in diesem Jahr an der 2. Stelle nach China. Auch wurde von HRW berichtet, daß 30 Personen im Jahr 2010 hingerichtet wurden; MOHAREW als Feinde von Gott, mussten sie auf der Erde ausgelöscht werden- und daß 11 arabische Männer, unter ihnen auch 16-jähriger Junge, in AHWAZ im Gefängnis KARUN hingerichtet wurden.

 

Von September 2012 bis jetzt warten ungefähr 28 kurdische Gefangene mit Verurteilung in den Zellen für die Hinrichtung. Dieses sind nur einige kleine Beispiele von Tausend Berichten, die in den heutigen Tagen aus dem Iran kommen. Es ganz schön klar, daß die Kriegsliebenden Politiker in unserem geographischen Bereich des mittleren Ostens zunehmen. Die Macht des totalitären Regimes und der Druck auf die Dissidenten wird täglch stärker,

 

Die Unterdrückungen und zahlreiche Verhaftungen im Jahr 2009 und 2010 sind der Grund für die Flucht von mindestens 5000 Personen aus dem Iran. Zwischen ihnen sind viele bekannte Aktivisten, die letztendlich auch aus dem Iran geflüchtet sind. Es ist ja ganz natürlich, daß immer der erste Punkt im Prozess der Flucht, das Erreichen der Nachbarländer ist, z.B. Türkei und den Irak. Der Asylprozeß in der Türkei und im Irak hat aber andere problematische Aspekte, die in unserer kurzen Zeit nicht erklärt werden können. Nur möchte ich hier von einen geheimen Mord im Jahr 2010 an Anoush Namwar in der Türkei (in der Stadt Nevshehir) und dem Suizid eines iranischen Flüchtlings 2013 in der Stadt DENISLI berichten.

 

Erlauben Sie bitte abschließend eine Frage:

 

Krieg und Unsicherheit in unserem Land und die Unterdrückung durch die islamische Regierung, schwere Gefangenschaften von 15 Jahren, Folter, Hinrichtungen und Steinigungen, Tod unter Folter, Verlust der Arbeit und Verlust des Studienplatzes, Unterdrückung der Familie durch Kautionen zur Freilassung aus der Untersuchungshaft, Beschlagnahmung von Wohnungen, Bedrohung und Gewalt werden täglich mehr. Meine Frage ist:

 

Was ist die Aufgabe eines Menschen ohne Anerkennung, ohne Zukunft und Freiheit: Soll er bleiben bis er getötet wird oder darf er fliehen?

 

Wir wollten selber nicht in Krieg und Anarchie geboren werden, über die Kriegserklärungen wurden wir auch nicht gefragt. Der Mensch hat in der islamischen Regierung nur eine Bedeutung, wenn er zu 100% für das System ist, das gegen die Demokratie und die Menschenrechte steht. Wenn aber einer für Demokratie und Menschenrechte kämpft, gibt es keine Möglichkeit außer Isolation oder Gefängnis.

 

Ich als eine kleine Menschrechtsaktivistin bedanke mich bei Ihnen, sehr geehrte Frau Abgeordnete Brigitte Meyer, als Ausschussvorsitzende für Soziales, Familie und Arbeit und als Referentin der Kinderkommission im bayerischen Landtag, daß Sie mir diese Zeit gegeben haben und meinen Sätzen zugehört haben. Ich gebe Ihnen meine Hände zur Freundschaft und ich bitte Sie, in diesen Tagen, die voll sind von Krieg und Unsicherheit, uns den kleinsten Teil des Rechts zu geben, das jeder Menschen braucht, um in Freiheit zu atmen und als Mensch anerkannt zu werden.

 

Ich beende meine Rede mit einem Satz von Bertold Brecht:

"Wir sind Exilanten ohne Warum - in der Hoffnung auf eine Welt ohne Krieg, ohne Diktatur, ohne Gefängnis, Folter und Exil."

 

Tania Kaliji